Friday, June 10, 2011

Fremdenstrudel - Kapitel 5

Kapitel 5
Karl Sokorny 1963

Mit sechzehn Jahren verbrachte Karl die Schulferien in Madrid. Er hatte gerade eine zweitägige Bahnfahrt hinter sich. „Dein Patenonkel wird auf dich warten“, hatte ihn seine Mutter am Westbahnhof gesagt. „Das ist der andere Teil der Familie. Dort wirst du sehen, was wir einst waren.“

Karl lächelte seiner Mutter zu. Sie sprach oft von der Familie, in die sie als Tochter des Postmeisters hineingeheiratet hatte. Die von Sokornys, pflegte sie zu sagen, waren Cousins eines vertriebenen osteuropäischen Königshauses. „Sie nahmen unsere Titel, unsere Besitztümer im Namen der Demokratie, des Sozialismus.“ Frau Sokorny streichelte ihrem Sohn über die Wange. „Früher hatten wir viele adelige Freunde. Dein Patenonkel ist ja ein Graf. Er hat das ‚von’ vor ‚Sokorny’ beibehalten. Er war auch ein General. Es wird gut für dich, für deine Bildung sein. Etwas, das die Republik nicht bieten kann.“

Karl schlief unruhig im Nachtzug von Wien. Es war nicht nur seine erste Reise, es war auch die Aussicht jenen Fastadeligen, den seine Mutter so verehrte, zu treffen. Obwohl er neugierig war, seinen Patenonkel kennen zu lernen, war er auch besorgt, dass er selbst vielleicht nicht gut genug sein, und keine Zugehörigkeit finden würde.

Als Karl am Atocha Bahnhof ankam war er schmuddelig, und seine Kleidung zerknittert. Ein paar Mal war er auf der Strecke von Barcelona, wo er umgestiegen war, eingenickt. Er hatte Angst gehabt, die Verbindung zu verpassen. Karl stand auf und fummelte mit seinem Kragen. Dann versuchte er mit dem Handrücken den Stoff seiner Hosen zu glätten. Ein Blick in den Abteilspiegel zeigte, dass sein Haar aussah als hätte eine Kuh kräftig daran geleckt. Er spuckte in seine Hände und versuchte es glatt zu machen. Adelige! Bald wurde er seinen Patenonkel treffen. Und wenn er nicht am Bahnhof war? Karl nahm seinen Koffer und ging zur Tür.

Graf Otto von Sokorny wartete jedoch am Bahnsteig. „Du wirst ihn gleich erkennen“, hatte seine Mutter gesagt „groß, schlank, blondes Haar, vielleicht schon weiß – und er wird ein Monokel tragen.“

Als Karl aus dem Zug stieg, winkte ihm ein Mann im hellen Leinenanzug zu. „Ich fürchte, dass ich kein guter Patenonkel gewesen bin“, meinte er, und streckte die Hand aus, um Karls Hand zu schütteln. „Ich werde aber alles wieder gut machen.“

Karl drückte seine Hand. Sie war trocken und kühl. Er dachte an die Haut einer Schlange und bemühte sich seine eigene nicht zu eilig zurückzuziehen. „Nett, Sie endlich kennen zu lernen“, sagte er höflich. Als er in das Gesicht des Grafen schaute, schienen die Lippen des Mannes zu zittern. Karl bemerkte ein Funkeln hinter dem Monokel der in die linke Augenhöhle des Grafen geklemmt war, und die Art wie seine Muskel das Monokel fest hielten, verlieh dem Grafen einen seltsamen Ausdruck. Mit langen präzisen Schritten ging der Graf voraus. Karl versuchte ihn einzuholen und drängte sich dabei durch die stehengebliebenen und Fahrttafeln studierenden Menschengruppen.

„Der Wagen wartet. Du sollst mich als Gast zum Hause des Herzogs von Avaron begleiten.“ Die Worte des Grafen waren schneidig, fast wie ein Befehl. Als sie von dem gläsernen Bahnhofshangar herauskamen, war die Luft plötzlich trocken. Der Wagen war ein beiger Bentley. Ein livrierter Chauffeur öffnete Karl die Hintertür. Karl verschwand in das tiefe Leder des Rücksitzes. Er konnte kaum aus dem Fenster blicken.

Der Bentley glitt durch Seitenstraßen von Wohnhäusern. Geranien schmückten einige gusseiserne Balkonen, andere waren mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche bespannt. Abrupt bremste der Wagen mit quietschenden Reifen. Ein Bub war seinem Ball hinterher auf die Straße nachgelaufen.

„Idiot!“ schnappte der Graf. „Warum nehmen Sie diesen Weg?“

Der Chauffeur schwieg, seinen Blick geradeaus gerichtet, als der Bentley dann zu einem großen Park hin um eine Ecke schleuderte und an einem künstlichen Teich vorbei raste. Majestätische Gebäude flitzten vorbei, während der Graf den Namen von Sehenswürdigkeiten bellte: El Prado, Banco de España, Palacio de Comunicaciones, Ministerio del … Karl konnte die Namen den Gebäuden nicht zuordnen, aber als der Wagen Richtung Stadtgrenze eilte, dachte er, dass sie den Gebäuden der Wiener Ringstraße ähnelten, und war fast erleichtert als sie sich durch ein armer aussehendes Viertel bewegten. Wenigstens hatte sein Patenonkel aufgehört, Worte herauszuschießen, als sollten die Namen, die er äußerte, an den passenden Gebäuden haften. Die Häuser gingen in kleine und kleinere Blockhäuser über, einige mit Lehndächerm an der Außenwand. Als sie näher kamen, sah Karl, dass die Lehndächer bloß aus Pappe und rostigem Blech waren. Barfuss spielten einige Kinder mit einem mageren Hund in der staubigen Erde.

„Zigeuner“, knurrte der Graf. „Slums. Und sie beschuldigen die Regierung. Dreckige Tiere!“ Karl betrachtete seinen Patenonkel und sah, dass die Ecken seines Mundes sich nach unten bogen als er ihn sagen hörte: „Das hätte alles vorbei sein können.“ Karl drehte sich weg und starrte wieder beim Fenster hinaus.

Die Landschaft war nun von blutroter Erde und grauen Klumpen von Gestrüpp geprägt. Dann, als der Wagen allmählich bergauf fuhr, wurde es langsam grün mit mehr und mehr Bäumen. Der Mund seines Patenonkels verlor seine Steife, als der Bentley mit jedem Stück Steigerung die letzten Überbleibsel der Slums verließ.

„Jetzt siehst du das echte Spanien“, sagte der Graf. Dann wurde seine Stimme leise, fast ein Geflüster, das Karl kaum hören konnte: „ Stierkampf, Blut. Das wird einen Mann aus dir machen.“ Karl zitterte in der klimatisierten Kühle des Wagens, als die Stimme des Grafen lauter wurde: „Schau gerade aus.“

Karl beugte sich nach vorne, um aus dem Vorderfenster zu schauen, seinen Kopf fast zwischen dem des Chauffeurs und seines Paten. Eine Vene an der Schläfe des Letzteren zuckte. Der Wagen glitt durch eine breite von Zitterpappeln eingesäumte Straße. Blätter glänzten in der Nachmittagssonne, als sie abbogen und zu einem gigantischen Tor hin fuhren. Die Torflügel standen offen.

Ein Häuschen stand rechts vom Eingang. In Fenstergittern gefangen blühten rote Geranien. Hinter einem Drahtzaun knurrten und bellten drei Hunde, die groß waren wie Kälber.

„Spanische Doggen“, sagte der Pate. „Die sind fast so gut wie Schäferhunde, nur blutrünstiger.“ Sie fuhren noch etwa 200 Meter und bogen in eine runde Einfahrt ein. Die Reifen des Bentley knirschten über den Kies. Um einem Brunnen in der Mitte der Einfahrt blühten dunkelrote Geranien.

„Da sind wir“, sagte der Graf.

„Es schaut leer aus“, bemerkte Karl. Die Hunde waren da, aber es gab kein anderes Lebenszeichen. „Wer wohnt in dem Häuschen beim Eingangstor?“

„Der Hausmeister“, antwortete der Graf. „Die Dienstboten sind ja da, aber am besten hört und sieht man sie nicht.“ Karl fragte sich, ob die Bemerkung auch an ihn gerichtet sein könnte.

„Der Herzog war ja ein paar Tage fort“, sagte der Graf. „Sein Heim steht mir zur Verfügung. Er und die Gräfin werden heute Abend zurückkommen.“

Karl blickte über die steinernen Stiegen zum Aufgang hinauf. Die Eingangstür stand offen. Sein Pate musste ein sehr guter Freund des Herzogs sein, wenn dieser ihm sein Haus einfach so überließ. Dann bellten die Hunde, und Karl zitterte.

Karl folgte Graf Otto von Sokorny durch ein Foyer mit einem Boden aus Schachbrettmuster. Zur Linken standen weitere Doppelflügeltüren offen. Karl erspähte einen Kamin, der groß genug war, um einen ganzen Stier zu rösten. Die Möbel waren aus schwerem, jedoch geschnitztem Holz, die Sofas feudal und aus Leder. Irgendwie konnte Karl dies nicht als ein Wohnzimmer betrachten. Wo blieb das Wohnen? Er dachte an sein Heim in Wien, eine Dreizimmerwohnung, weit entfernt von diesem Haus eines Familienfreundes.

Rechts vom Foyer waren die Türen zu. „Die Küche“, erklärte der Graf als lese er Karls Gedanken. Das Foyer streckte sich weiter durchs Haus bis zu einem mit Efeu bedeckten Innenhof. Ein Brunnen stand in der Mitte, und dahinter drängten sich zwei niedrige Gebäude, vor denen aus sich ein glitzerndes Schwimmbad streckte.

„Hier werden ja Feste gefeiert“, sagte der Graf und schweifte mit seinem Arm, als wollte er das Panorama einfangen. „Während der heißen Sommernächte ist es angenehm kühl hier. Das wirst du erleben. Sogar heute Abend werden der Herzog und die Herzogin Gäste empfangen.“ Dann führte er Karl zu einem Treppenaufgang aus Stein in die rechte Ecke des Foyers. „Dein Zimmer ist oben. Komm.“

Karls Zimmer im ersten Stock war ein Appartement. Es gab ein Schlafzimmer, ein Badezimmer sowie ein Zimmer möbliert wie die Säle im Schloss Schönbrunn, die Karl mit seiner Mutter besichtigt hatte.

„Hier wirst du dein Frühstück zu dir nehmen“, sagte sein Pate. „Der Herzog und die Herzogin essen nie vor Mittag.“

Karl ließ seinen Koffer zu Boden fallen. Er schwieg. Die Reise, die sich wandelnde Landschaft, die Hunde, dieses gigantische alte Haus, sein Patenonkel, Graf Otto von Sokorny. Karl fühlte sich auf einmal ganz schwach und setzte sich auf das Bett.

„Ruhe dich aus“, sagte der ältere Mann. „Um zehn Uhr wird das Haus voll sein.“ Dann ließ er Karl in seinem Zimmer zurück.

Um zehn Uhr klopfte es an Karls Tür. „Gehen wir?“ kam die Stimme des Paten. Karl stopfte schnell sein Hemd in die Hose und richtete sein Kragen, dann folgte er dem Graf die Treppen hinunter zum Innenhof.

Die Gäste waren schon alle da und standen herum mit Gläsern in der Hand. Sie spießten Oliven, Sardellen, Wurstscheiben auf. In der Menge von nackten Frauenarmen und Männerärmeln erspähte Karl auch einen Priester und drei Offiziere. Da er früher niemanden gesehen hatte, fragte sich Karl, ob alle Leute dieses Standes nur am Abend im Sommer sichtbar waren, ob sie den Abend lang bloß tranken und naschten. Und das gewöhnliche Volk? Was tat es? Die Leute hinter den geschlossenen Türen, die er am Weg zum Haus gesehen hatte, die ohne Sekt und blaues Blut? Vielleicht mussten sie für nächtlichen Feste Vorbereitungen treffen? Karl fixierte die Venen seines Handgelenks. Wenn ich sie aufschneide, dachte er, würde das Blut mit derselben Farbe der Menschen der Slums fließen.

„Ich will sehen, wie das echte Volk lebt“, sagte Karl zu seinem Paten.

Der Mann ließ die Asche seiner schwarzen Zigarette zu Boden fallen. „Wir sind das echte Volk, Karl. Wir sind diejenige, die Sachen verwirklichen. Darum sind wir hier. Vergiss das nie.“

Darum sind wir hier? Wo? In Madrid?

„Komm, Karl. Ich werde dich dem Herzog und der Herzogin vorstellen“, sagte der Graf und steuerte seinen Schützling zu einem Paar, das beim Brunnen stand. Obwohl es nur ein paar Schritte waren, fühlte es sich an wie eine endlose Entfernung. Er war ja nur eine Marionette, seine Bewegungen angetrieben durch Fäden in den Händen seines Paten. Er wollte davonlaufen, konnte aber nicht.

Der Herzog von Avaron war ein großer gedrungener Mann mit buschigem Schnurrbart und kahlem Haupt. Die große schlanke Frau an seiner Seite, mit ihren langen offenen blonden Haaren, schien viel jünger zu sein als er.

„So, Otto, das ist dein Schützling? Der Junge, den du zum Mann machen möchtest? Du musst ihn zur Corrida mitnehmen. Zum Stierkampf“, sagte er und lachte, und dann reichte er Karl seine Hand. Karl legte seine Hand in die des Herzogs. Es war eine mechanische Geste. „Erfreut, Sie kennen zu lernen.“

Der Herzog lachte. „Gewiss.“ Dann, mit Karls Hand noch in der seinen, drehte er sich zu seiner Frau. „La Duquesa“, sagte er und ließ Karls Hand los. La Duquesa hob ihren Handrücken zum Handkuss.

„Lass deine Lippen über ihre Hand flüchten“, flüsterte Graf Otto in Karls Ohr. Karl tat wie befohlen, und als er sich aufrichtete, waren seine Wangen heiß bis zu den Schläfen.

„Charmant“, sagte die Herzogin, aber Karl konnte sie nicht gleich ansehen. Dann hörte er sich stottern, dass seine Reise sehr lang gewesen war, dass er froh war in Madrid zu sein.

Der Herzog lachte. „Geh jetzt. Hol dir etwas zu trinken.“

Karl nickte und drehte sich um. Der Raum vor ihm war nun voll, und er fühlte sich plötzlich gefangen. Durch die Menge bewegte er sich zur Bar, wo er andere Getränke als Bier oder Wein zu finden hoffte. Gab es nichts als Alkohol? Gesprächsfetzen begleiteten ihn durch den Raum.

„Graf von Sokorny. Er war ja in Dachau. Er weiß wie es ist.“

„Was macht er denn hier? Ich dachte er wäre in der Schweiz. Irgendein Botschafter. Eine Hilfsorganisation. In Afrika.“

„Befreite er nicht Il Duce?“

„Schhh.“

Als er vorbeiging, spürte Karl Augen auf seinem Rücken und hörte Flüstern.

„Das Patenkind.“

„Aus Österreich.“

„Die andere Seite der Familie?“

„Nicht eigentlich Familie.“

„Schhhh.“

Was meinten sie, fragte sich Karl. Was meinten sie mit nicht eigentlich Familie? Endlich kam er an die Bar an. Er ergriff die Kante als klammere er sich an ein Rettungsfloß.

„Naranja“ , sagte er.

Der Kellner goss eine blutorangene Flüssigkeit in ein hohes Glas und reichte es Karl.

Stierkampf und Blut, dachte Karl. Sogar der Orangensaft war rot.


Ende von Kapitel 5 – Fortsetzung folgt.

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